HD-Party bei einem Schriftsteller – so geht es natürlich auch

HD-Party bei einem Schriftsteller – so geht es natürlich auch

Wie man sich Bullen zu einer HD-Party einläd, hatten wir schon diskutiert. Einen besonderen Weg fand jetzt ein Berliner Schriftsteller. Er recherchierte über die derzeitige Senatssprecherin, dann kam die Polizei auf eine Razzia vorbei. Der 72-jährige Berliner entdeckte Ungereimtheiten im Lebenslauf der Sprecherin der Berliner Landesregierung. Er goß Spott und Häme über sie aus, nannte sie Flunker-Queen. Dann plötzlich ermittelte die Justiz.

HD-Party bei Lehmann

Es war frühmorgens gegen sechs Uhr als er von der Exekutive aus dem Bett geholt wurde. Jemand mußte Hans-Joachim Lehmann verleumdet haben. Sechs Polizisten standen vor seiner Wohnungstür in Berlin. Sie klopften, klingelten und rüttelten an der Tür: Aufmachen, Polizei! Als das Lauch sich verabschiedete, nahm es alle seine Handys und Rechner mit, auch Drucker, Festplatten und USB Sticks. Lehmann überlegte kurz, er konnte sich nicht daran erinnern Terrorist oder kriminell gewesen zu sein. Er handelte nicht mit Drogen und er erpresste auch Schutzgeld vom Dönermann an der Ecke. Und doch hatte das Lauch einen Durchsuchungsbeschluss in den Händen. Der Grund: Lehmann hatte Ungereimtheiten im Lebenslauf der Senatssprecherin Claudia Sünder entdeckt und diese auf 79 DIN A4-Seiten, in verhöhnender Art und Weise dargestellt.

What the fuck is Sünder

Sünder? Sicher hast Du noch nie in deinem Leben von ihr gehört. Nun die 48-Jährige dient seit Anfang 2017 der Legislative in Form des derzeitigen Bundes-Torstens Michael Müller (SPD!!!) als Chef-Ansagerin. Vorher war sie in der Berliner Politik eher unbekannt. Kein Wunder, dass sie Dir nichts sagt, also.

Nicht mit Lehmann

Lehmann ist Schriftsteller und Autor, aber auch Mediziner und Gelegenheitskläger vor dem Bundesverfassungsgericht: Seine Klage führte dazu, dass die Judikative kürzlich das geltende Berechnungssystem für die Grundsteuer kippte. Auch hatte er sich seinerzeit über Abmahngebühren geärgert, mit denen er vom Senat bedacht wurde, weil er ohne Genehmigung einen Ausschnitt aus dem Berliner Stadtplan veröffentlicht hatte, der auf dem offiziellen Stadtportal berlin.de zu finden war. Lehmann nahm dies zum Anlaß sich eingehender mit dem Lebenslauf der Chef-Ansagerin Sünder zu befassen. Und wie der Teufel es so will, kam er zu dem Schluss, dass die Sozialdemokratin eine Aufschneiderin sein müsse, ein Landei und eine tölpelhafte FDJ-Pflanze aus Boltenhagen. Lehmann wunderte sich, dass es die damals 19-Jährige nach eigenen Angaben im Jahr 1988 geschafft hatte, gleich nach der Schule eine Stelle als Redakteurin in einem ansonsten völlig unbekannten Pressedienst Berlin in Ost-Berlin zu ergattern – also in der damaligen Hauptstadt der DDR, einem Land mit staatlich gelenkter Presse.

Die Stern-Recherche

Die Stern-Recherchen zeigen, dass sich Sünder an einigen Punkten ihres Lebenslaufs in der Tat in Widersprüche zu verwickelt haben scheint. So gibt sie einerseits an, ab 1990 an der Freien Universität Berlin unter anderem “Spanisch” studiert zu haben. Andererseits existieren auf den Karriereportalen LinkedIn und Xing Profile einer Frau, die sich unter dem Namen Claudia Sünder und als Berliner Senatssprecherin vorstellt. Die Claudia Sünder auf diesen beiden Profilen hat entweder Sprachkenntnisse in Englisch und Russisch (laut LinkedIn) oder Deutsch (Xing). Für das Jahr 1996 nennt der Lebenslauf, den der Berliner Senat ganz offiziell veröffentlicht hat, eine weitere Karrierestation der Claudia Sünder. Sie habe nun die “Leitung” der “Könnecke Immobilien u. Grundstücksgesellschaft mbH in Boltenhagen” übernommen. Im bundesweiten elektronischen Handelsregister findet sich aber keine Firma unter diesem Namen, auch nicht als gelöschte Eintragung – weder in Boltenhagen noch anderswo. Insgesamt zeigt das Handelsregister vier – meist inzwischen wieder erloschene – Firmen mit den Namensbestandteilen Könnecke und Immobilien an. Bei keiner der vier ist eine Führungsfunktion für Claudia Sünder verzeichnet, weder die Geschäftsführung noch die Funktion der Prokuristin. Und während Sünder vor einigen Jahren angab, dass sie bei der Firma in Mecklenburg bis zum Jahr 1998 geblieben sei, findet sich in dem Lebenslauf der Claudia Sünder auf dem Karriereportal LinkedIn eine andere Version: Unter der Rubrik “Ausbildung” wird dort für die Jahre 1997 bis zum Jahr 2000 eine Station als “Kauffrau der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft” in Bochum aufgeführt.

Widersprüche finden sich auch betreffend den zweiten Teil von Sünders akademischer Karriere. Inzwischen lebte sie in Ellwangen, auf der württembergischen Ostalb. Ab 2001 war sie außerdem an der Fernuni Hagen eingeschrieben – laut eines Lebenslaufs der SPD Ostalb dauerten ihre Studien dort bis zum Jahr 2007. Fragt man die Fernuni Hagen, dann erfährt man hingegen etwas anderes: Sünder habe “von 2001 bis 2014” ein Studium der Sozialen Verhaltenswissenschaften und der Politikwissenschaft absolviert und mit einem Magister-Titel abgeschlossen. Also Studien über volle 13 Jahre. Zwischendurch engagierte sich die heutige Senatssprecherin in der SPD von Baden Württemberg und betätigte sich zeitweise auch als selbständige Heilpraktikerin. Im Jahr 2009 avancierte sie schließlich zur Leiterin einer Stabsstelle für “Produktentwicklung, Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit” für das katholische Kolping-Bildungswerk Württemberg. Bis sie dann 2014 wieder nach Berlin ging. Doch als sie dort nun bei der städtischen Wohnungsgesellschaft Degewo als Vorstandsreferentin anfing, vermeldeten Branchendienste, Sünder habe zuvor volle 16 Jahre die Stabsstelle in Schwaben geleitet. Heute sagt eine Degewo-Sprecherin etwas zerknirscht, man habe eine damalige Pressemitteilung “anscheinend missverständlich” formuliert. Eigentlich habe man man sagen wollen, dass Sünder insgesamt “16 Jahre in Baden-Württemberg verbrachte” und “unter anderem” den Kolping-Job innehatte. Es 16 Jahre in Baden-Württemberg auszuhalten, ist eben aus Berliner Sicht schon an und für sich eine reife Leistung. Sünders Kritiker Lehmann hatte sogar Zweifel, ob es die Stabsstelle jemals gab. Aber das Bildungswerk in Stuttgart bestätigte dem stern, dass die heutige Senatssprecherin diesen Job hauptamtlich ausgefüllt habe. Darf man die Senatssprecherin “Flunker-Queen” nennen?

Terror-Trulla

Ist nun die Chef-Ansagerin auch Flunker-Queen und das größte Plappermaul zwischen Konstanz und Boltenhagen? Nun, zumindest darf die Terror-Trulla wohl kaum die Kavallerie in Marsch setzen, wirst Du nun vielleicht meinen. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts müssen Repräsentanten des Staates sehr wohl auch sogenannte ehrverletzende Bemerkungen ertragen – es sei denn, so das Gericht im Jahr 2009, dass die persönliche Kränkung das sachliche Anliegen völlig in den Hintergrund drängt. Beleidigungen gehören zu den sogenannten Bagatelldelikten und werden nur auf Antrag der Betroffenen verfolgt; Hausdurchsuchungen kommen dann immer wieder vor. Der Senat wollte sich nicht dazu äußern.

Sünder muß Buße tun

Der 72-Jährige, der sein Dossier an den Bundestorsten Müller und auch an die Fraktionschefs aller im Landesparlament vertretenen Parteien verschickt hatte, sieht in der Razzia einen Akt von Einschüchterung und Repression. Mindestens aber war es echt miese Rache. Die merkwürdigen Vorgänge sind mindestens interessant und sollten schleunigst aufgeklärt werden. Die völlig überlastete Berliner Justiz darf nicht für persönliche Rachefeldzüge missbraucht werden. Sünder muß aufhören Jagt auf 72-Jährige zu machen, die Karten auf den Tisch legen und über ihre Vergangenheit aufklären.

Bildquelle: Couleur, thx! (CC0 Public Domain)

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